Rückblick auf den 4. Fahrlehrerkongress in Berlin (2)

Mobilität trifft Kommunikation: Die Fahrschule der Zukunft lautete der erste Vortrag am 4. Fahrlehrerkongress in Berlin. Dieses Thema begleitet uns in Teil 2 meiner Reflektion.

FahrlehrerkongressFührerscheinausbildung als Mittel zum Zweck ist einem ständigen Wandel unterworfen. Früher hat man mit 18 und der Führerschein-Ausbildung einen neuen Lebensabschnitt betreten. Heute hat dieser Umstand nicht mehr die Wichtigkeit wie einst. Und gerade deshalb, weil der Führerschein Mittel zum Zweck bleibt, müssen sich Fahrschulen immer mehr um ihre Fahrschüler bemühen. Worauf sie dabei achten sollen, zeigen Ihnen die ersten Referenten am 4. Fahrlehrerkongress in diesem Beitrag auf.

fahrlehrerkongress Wippermann01-3Prof. Peter Wippermann, der Referent zu diesem Thema führte in Deutschland den Begriff der „Ich-AG“ ein und ist auf Kommunikationsstrategien für trendgestützte Markenführung spezialisiert. 1990 wurde er verantwortlicher Herausgeber des Zukunftsmagazins „Übermorgen“ des Zigarettenherstellers Philip Morris und konzipierte dessen Zukunftsevents „Talk with Tomorrow“. 1992 gründete Peter Wippermann gemeinsam mit Matthias Horx in Hamburg das Trendbüro – Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. Als engagierter Redner versuchte Peter Wippermann am Fahrlehrerkongress auch die Fahrlehrer durch Einblicke in die neuesten Trends auf die Zukunft vorzubereiten.

Fahrlehrerkongress Auto01-2 Wippermann erklärte, dass das Auto an Faszination eingebüßt hat. Laut einer ifmo-Studie (2011) nützten vor rund 10 Jahren noch 67% der 20 bis 29-Jährigen das Auto als Fortbewegungsmittel. Heute sind es nur mehr 52%. Das Fahrrad und der öffentliche Verkehr entpuppen sich immer mehr zur Konkurrenz der Fahrschulen. Im Top Ten-Ranking  des Werte-Index 2012 (Trendbüro und TNS Infratest) liegt die Freiheit an erster Stelle. Danach folgen erst Familie und Gesundheit auf den Plätzen zwei und drei. Und mit Freiheit verbinden die Deutschen nicht die Mobilität, sondern die persönliche Autonomie. Bevor sie ihr Ding durchziehen wollen, bevorzugen sie lieber die Selbstkontrolle über ihr Leben.

fahrlehrerkongress autowäsche01-3Ein Auto gehört zu diesem Lebensgefühl nicht mehr unbedingt dazu, denn mit diesem werden auch Pflichten und Zwänge assoziiert. Ein Auto gehört gepflegt, gewartet, geparkt und betankt. Alles Dinge, die bei öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrädern nicht anfallen erklärt Wippermann am Fahrlehrerkongress. In dieser Altersgruppe hat das Auto auch an Statussymbol verloren. Cool ist der, der es schafft, ohne Zwänge sein Leben nach eigenen Vorstellungen in Abstimmung mit seinem persönlichen Netzwerk zu gestalten.

blog_führerschein02-3Aber keine Angst, die Zahl der Führerscheinbesitzer wird nur langsam sinken. Wie auch Dr. Karl Lindemann im nächsten Referat erklärt, gibt es bis 2020 keine Alternative zum Pkw mit Verbrennungsmotor. Trotzdem wird die Pkw-Verfügbarkeit weiter sinken. Die Fahranfänger kaufen sich häufig keine eigenen Autos mehr, sondern benutzen beispielsweise das der Eltern mit. Die Gründe dafür sind neben Ökologieaspekten auch eine abnehmende Konsumbereitschaft.

fahrlehrerkongress Motorradfahrer01-2Auch die 2Rad-Zukunft wandelt sich. Wurde früher der Motorradschein (fast) automatisch mit dem Pkw-Schein mitgemacht, so ist das heute viel seltener der Fall. Immer weniger junge Fahrer besitzen heute ein Motorrad. Seit Jahren steigt das Durchschnittsalter von Motorradfahrern. Die Zweiradindustrie betrieb und betreibt deshalb auch dementsprechenden Lobbyismus bei Verantwortlichen, was sich beispielsweise in diversen Gesetzesänderungen und aktuell in der Umsetzung der 3. Führerscheinrichtlinie auswirken wird. Der Kreativität bei Gesetzgeber und Zweiradhersteller sind diesbezüglich keine Grenzen gesetzt.

Was bedeutet das jetzt alles für die Fahrschulbranche?

blog_Fahrschule01-2Wippermann sieht in den nächsten Jahren einen Paradigmen-wechsel in der Branche. Er meint, dass die Fahrschule ohne zusätzliche Geschäftsfelder nicht mehr auskommen wird. Die Abwanderung in Ballungscentren und der Wandel der Arbeitswelt verringern zukünftig das Bedürfnis nach automobilem Verkehr. Durch mehr Menschen in Städten und einem höheren Verkehrsaufkommen wird sich auch die Geschwindigkeit des Verkehrs dort verringern. Demzufolge werden zukünftig die Leute Zweiräder mit unterschiedlichsten Antrieben als Alternative zum Stehen im Stau vorziehen.

Derzeit sehen sich die Fahrlehrer noch als Lehrer. Die meisten von ihnen müssen sich erst zum Gewerbetreibenden wandeln. Wer das zu spät erkennt oder nicht schafft, der hat in der Branche keine Zukunft.

blog_Kodak_01-2In der Fotobranche ist es beispielsweise der Firma Kodak (gegründet 1892) so ergangen. Sie lieferte früher vor allem Produkte für fotografische Ausrüstung und hat sich mittlerweile weitgehend auf die Herstellung professioneller Druckmaschinen zurückgezogen. Die Firma Kodak hat als multinationales Unternehmen die Digitalisierung total verschlafen und musste deshalb am 19.1.2012 einen Insolvenzantrag stellen. Am 2. März 2012 beendete Kodak die Produktion von Diafilmen. Ende Juni 2012 stellte Kodak die Produktion von Digitalkameras, Videokameras und digitalen Bilderrahmen ein. Verkaufen konnte Kodak nur seine Netzwerke und Beziehungen. Die Onlineplattform Kodak Gallery wurde beispielsweise für 23,8 Millionen US-Dollar an den Konkurrenten Shutterfly verkauft.

blog_social-media_01-3So ähnlich sieht Wippermann auch manche in der Fahrschulbranche. Er kritisiert die mangelnde Rationalisierung von Informationen. Viele Facebook-Profile und Fahrschul-Homepages werden halbherzig oder gar stümperhaft betrieben. Auch wenn der Bayrische Landesverband mit BMW eine App entwickelt hat, um mit Fahrschülern zu kommunizieren, ist es nur eine Eintagsfliege. Wie viele der 12.000 Fahrschulen haben eine moderne Homepage, einen kommunikativen Facebook-Auftritt oder ein aktuelles Profil mit vielen Followern bei Twitter? Facebook hat bereits über eine Milliarde User. Sie sollten das nicht vernachlässigen oder stiefmütterlich betreiben.

blog_18Prozent01-218 Prozent der Personen kaufen sich emotionsbeladene Autos und andere Dinge. Wie sonst käme es, dass immer mehr „2 Tonner SUVs“ in Städten herum fahren und Parkplätze belegen? Diesen Umstand können Sie auch in der Fahrschule nutzen, indem Sie diesen 18% (fast Pareto Prinzip) ein individuelles, exklusiv auf sie zugeschnittenes Produkt/Paket verkaufen, das einen tollen Deckungsbeitrag aufweist. Und glauben Sie mir eines, wenn früher der Fahrradfahrer als unterbemittelt angesehen wurde, so hat sich dieses Image heute gedreht. Der Fahrradfahrer ist heute oft eine erfolgreiche Person, die nebenbei auch noch etwas für ihre Gesundheit tut.

Prof. Peter Wippermann empfiehlt Fahrschulen folgende Dinge:

  • Positionieren Sie sich als kompetenter Dienstleister für E-Zweiräder auch wenn die meisten davon aus der Führerscheinpflicht ausgenommen sind. Schulen, unterstützen und beraten Sie.
  • Veranstalten Sie Fresh Up-Kurse mit Theorie- und Fahrtrainings. Arbeiten Sie dabei mit Optiker und Hörgeräteanbieter zusammen, die gleich körperliche Fähigkeiten überprüfen können.
  • Werden Sie ein Mobility Coach, der unabhängig von Marktpräferenzen seinen Kunden individuelle Mobilitätskonzepte anfertigt und ihm bei der Entscheidung und Auswahl des passenden Mobils weiterhilft.
  • Bieten Sie Kurse und Fahrtrainings für verschiedene Zwei-, Drei- und Vierräder-Fahrzeuge an.
  • Entwickeln Sie sich als Fahrlehrer zum Stadtführer, der einen Segway-Lehrgang mit Erkundungstrips durch Stadt oder Region verbindet.
  • Vermieten Sie eigene Segways, Scooter oder Pedelecs stunden- oder tageweise.
  • Werden Sie Anlaufstelle für alle Mobilitätsfragen. Gestalten Sie diesen spannenden Markt mit und bauen Sie diesen zu neuen Geschäftsfeldern aus. Entwickeln Sie Ihre Fahrschule zu einer Mischung aus Fahrtrainings-Anbieter, Mobilitäts-Coach und Verleihstation.
  • Kreieren Sie für die unterschiedlichen Ziel- und Fahrzeuggruppen passende Angebote und machen Sie diese multimedial abrufbar.
  • Verkaufen Sie in der Fahrschule Produkte verschiedenster Art.
  • Veranstalten Sie Motorrad-Events, Motorrad-Trainings (zB. Trial und dgl.) für Fortgeschrittene, Incentives und kommunizieren Sie diese in den sozialen Medien. Die dort erhaltenen Referenzen von anderen (Likes) erhöhen das Vertrauen und fördern Verkauf und Bekanntheit.
  • Lassen Sie Ihre Fahrschüler deren Fahrstunden online buchen, wodurch sich automatisch Ihre Verwaltungsarbeit verringert.

Ich bin mir sicher, dass manche von Ihnen sagen werden, das geht nicht, das ist Schwachsinn, das hab ich schon probiert und hat nichts gebracht. Andere wiederum werden die eine oder andere Idee aufgreifen, planen, Konzeptionieren, ausprobieren, verbessern und so zur Marktreife bringen.

PS: Das war Teil 2 meines Fahrlehrerkongress-Rückblicks. Im nächsten Teil erläutert Dr. Kay Lindemann „Die Zukunft der Mobilität aus der Sicht der Automobilhersteller.

– Autor: Guido Peternell

4 Gedanken zu „Rückblick auf den 4. Fahrlehrerkongress in Berlin (2)

  1. wolfgang ilsemann

    Lieber Guido und unermütlicher Wachrüttler ;),
    Dank für die Aufbereitung des Fahrlehrercongresses, an dem auch ich leider nicht teilnehmen konnte.
    Wippermann bestätigt Deine Thesen und Analysen, zeigt ebenfalls auf, wie es in der Zukunft weiter gehen kann… Ich schätze, dass nur ca. 20 % der Fahrlehrerschaft es auch umsetzt.
    Dank für Deine Arbeit 😉
    Herzlichen Gruß
    Wolfgang Ilsemann
    Göttingen

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    1. guido.peternell Beitragsautor

      Lieber Wolfgang,

      unermüdlicher Wachrüttler bin ich gerne, da mir die Branche am Herzen liegt. Dur wirst schon einen Grund gehabt haben, dass du nicht dabei sein konntest. Ist zwar schade und deshalb mach ich mir auch die Mühe, den Kongress für nichtanwesende und anwesende noch Revue passieren zu lassen.

      Ja, ich habe viele Dinge, die auch ich empfehle wieder gefunden. Das zeigt, dass ich doch nicht so daneben liege. Und wenn 20% von 12.000 Fahrschulen das umsetzen, wäre das schon ein enormer Erfolg.

      Ich bleib am Ball und hoffe, dass du es auch bleibst.

      Liebe Grüße aus Villach
      Guido 🙂

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  2. Manfred Nowara

    Lieber Guido danke für deine Infos. Finde ich absolut ok und einen Hörgeräteakustiker finde ich auch noch. Bei mir gibts ab nä Jahr eine Mitgliedskarte mit med Massage in der FS und Kinderbetreuung für Alleinerziehende. Das mit E Bike oder ähnliches kommt noch aber hoffe nicht zu spät. Ich mach 2013 eine 3te FS auf. Und die Preise steigen weiter. Bin auf dem richtigen Weg und die Einladung steht immer noch. Ich wünsche dir und deinen Lieben ein gesegnetes und besinnliches Weihnachtsfest, mit verdienten Geschenken und das du erfolgreich ins 2013 startest pro Forma den du wirst das. Liebe Grüsse Manfred

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    1. guido.peternell Beitragsautor

      Servus Mani,

      danke für dein Feedback. Ist ja echt gut was du bereits alles umgesetzt hast. Ich habe mein erstes Kinderbetreuungskonzept am 27.3.1997 geschrieben. Dieses wurde damals auch in so mancher Fahrschule mit Erfolg umgesetzt. Mit med Massage, und Hörgeräteakustiker habe ich bis heute noch nichts am Hut gehabt. Mit E-Bike auch nicht jedoch mit E-Car. Mit einem solchen (du kennst sie als Caddy vom Golfplatz) hatten wir am 29.8.1996 unseren Auftritt mit Bürgermeister und Presse. Dieses E-Car schloss die Verbindung unserer Fahrschule mit dem am Stadtrand liegenden Übungsplatz und die Fahrschüler konnten damit eigenständig hin und her fahren. Du siehst also, dass wir damals schon der Zeit voraus waren 🙂

      Auch ich wünsche dir frohe Weihnachten und ein erfolgreiches neues Jahr. Auf deine Einladung komme ich hoffentlich bald zurück.

      Liebe Grüße aus Villach
      Guido 🙂

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