Machen Fahrschulen mit Durchfaller Zusatzgeschäfte? Teil 1

In letzter Zeit gingen in der Branche die Wogen sehr hoch, als der Autofahrerclub ACE die Modernisierung der Fahrausbildung verlangte. Grund genug für mich, auch darüber meine ganz persönliche Meinung hier kund zu tun.

Durchfaller ACEAls ich die Presseaussendung las viel mir als erstes folgender Satz auf: „Die Fahrausbildung zum Erwerb eines Führerscheins muss für junge Leute auch künftig noch erschwinglich bleiben.“ Allein dieser Satz treibt mir zu meinem dicken Hals auch noch die Röte ins Gesicht. Wie kommt ein Autofahrerclub dazu, einen Führerschein zum Spartarif zu verlangen? Soll er sich nicht lieber für mehr Verkehrssicherheit engagieren?

blog_billig001-2Oder verlangen die Fahrschulen, dass die Jahresmitgliedschaft beim Autofahrerclub bei gleicher oder sogar mehr Leistung zukünftig anstatt wie bisher 59,70 nur mehr 30,00 Euro kosten soll? Auch wir hatten früher kein großes Finanzpolster, um uns den Führerschein zu leisten. Ich musste beispielsweise 1969 fast 10 Monate sparen, um mir von meiner Lehrlingsentschädigung den Führerschein bezahlen zu können. Heute ist das in höchstens der halben Zeit möglich, da der Führerschein im Verhältnis zum Verdienst viel billiger geworden ist. Laut ACE sogar mit zwei bis drei Monatsvergütungen wie er sich auszudrücken pflegt.

Durchfaller durchgefallenWeiters bemängelt der Club, dass im Schnitt – und das seit Jahren – jeder dritte Klasse B-Prüfling beim ersten Versuch durch die Fahrprüfung rasselt. Ich zitiere: Statt Fahrschülern jetzt weitere gebührenpflichtige Ausbildungsstufen im Rahmen sogenannter Mehrphasenmodelle auferlegen zu wollen, sollten zuallererst die pädagogischen Misserfolge im herrschenden System beseitigt werden, fordert der ACE. Das ist schon eine Anmaßung. Natürlich gibt es in der Ausbildung Qualitätsunterschiede. Jedoch kenne ich kaum einen Kollegen, der sich darüber freut, dass sein Fahrschüler die Prüfung nicht schafft. Ich kenne es eher umgekehrt und zwar, dass Fahrlehrer alles Mögliche daran setzen, ihre Schützlinge bei der Prüfung durchzubringen. Und dass eine Mehrphasenausbildung die Verkehrssicherheit gerade bei der am häufigsten gefährdeten Zielgruppe erhöht, kann man in Nachbarländern wie Österreich und dgl. sehen. Man muss sich nur ehrlich dafür interessieren.

blog_Euros01-3Und der ACE will nicht, dass sich mittels zahlloser Ausbildungsschleifen ein lukratives Geschäftsmodell zulasten der Fahrschüler etabliert. An so ein Geschäftsmodell kann wirklich nur ein Autofahrerclub denken, der selbst ständig nach neuen Geschäftsmodellen sucht. Der Wind der Autofahrerclubs weht deshalb, weil sie sich Hoffnung darauf machen, auch ein Stück Kuchen der Fahrschulzielgruppe abzubekommen. Es gibt sicher nicht viele Fahrschulen, die solch ein Geschäftsmodell haben und trotzdem wird hier eine ganze Branche in einem Topf geworfen. Und es ist schon bezeichnend für die Branche, dass ein Club wie der ACE Fahrschulen beobachten muss, die angeblich aus wirtschaftlichen Gründen die eigenen Qualitätsansprüche nicht mehr einlösen können.

Durchfaller NeulandNatürlich kann und muss das pädagogische Niveau der Fahrausbildung ständig steigen. Natürlich gehören die Erkenntnisse aus der aktuellen Gehirnforschung sowie alternative Lernmethoden in die Fahr- wie auch Fahrlehrerausbildung eingebunden. Das kann man jedoch nicht durch Zurufe der Autofahrerclubs erzwingen. Fahrschulen posaunen ja auch nicht in die Welt hinaus, dass Autofahrerclubs ihre Mitgliedschaften bei Hilfseinsätzen vor Ort abschließen, da ansonsten die Club-Hilfe für die in Not geratenen Fahrzeuglenker ein Vielfaches kosten würde.

Durchfaller VerkehrssicherheitAuch richtete der ACE an die Adresse der Politik und der Fahrlehrerverbände eine versteckte Forderung nach einer Art Laienausbildung. Hier wird Populismus mit der Verkehrssicherheit betrieben. Selbiges geschieht in regelmäßigen Abständen auch in Österreich. Derzeit stehen wieder Wahlen vor der Tür und damit auch die Forderung von Politikern auf ein „Freifach Führerschein“ in den Schulen. Die ach so wählernahen Politiker wollen damit den Führerscheinerwerb wieder leistbar machen. Dabei soll der Theorieteil der Führerscheinausbildung analog zur Ersten Hilfe Ausbildung an Schulen unterrichtet werden. Umgesetzt werden soll dieses „Freifach Führerschein“ in enger Zusammenarbeit von Schulen und Lehrern mit den Autofahrerclubs und siehe da, im Gnadenfall auch den örtlichen Fahrschulen.

blog AepfelBirnenIch glaube nicht, dass sich die Branche gegen eine Weiterentwicklung der Fahrausbildung wehrt, wenn diese sinnvoll erscheint und der Verkehrssicherheit dient. Ich glaube auch nicht, dass die Branche dazu immer wieder Zurufe diverser Clubs braucht, um in die Gänge zu kommen. Ich glaube jedoch, dass bei Vergleichen mit angeblich verkehrssichereren anderen Ländern gerne bewusst oder unbewusst, Äpfel mit Birnen verglichen werden. Anstatt nach Schweden, Norwegen und England zu schauen, sollte man auf den kleinen Bruder Österreich schauen, der so manch sinnvolles Konzept im Fahrschulwesen bereits erfolgreich umgesetzt hat. Das beweisen auch bereits Unfall-Statistiken der Fahrschulzielgruppe 16-24-Jährige. Warum also immer selbst seine Brötchen backen und neues erfinden, wenn es bereits bestehende erfolgreiche Konzepte dafür gibt?

blog_L17_Ausbildung02-2Da ich mir sicher bin, dass nicht alle Leser wissen, wie in Österreich die L17 Ausbildung funktioniert, will ich dies hier kurz skizzieren. Mit L17 (vorgezogene Lenkberechtigung der Klasse B) hat der Jugendliche die Möglichkeit, die Klasse B Lenkberechtigung ab seinem 17. Geburtstag erlangen zu können. Dazu muss er eine intensivere und längere Ausbildung absolvieren. Statistiken ergaben, dass sich die L17 Ausbildung und die dabei erlangte höhere Fahrroutine positiv auf die Verkehrssicherheit auswirkt. Der Jugendliche erhält nach der positiven Führerscheinausbildung seinen Führerschein und kann damit alleine (ohne Begleitung) ein Kraftfahrzeug lenken.

Damit wurde ein Anreiz geschaffen, vom gefährlicheren Zweirad auf das Auto umzusteigen. Die zusätzlichen Ausbildungsbegleiter sind meistens Eltern. Diese sehen es als Vorteil, sich selbst auch wieder mit den Verkehrsvorschriften beschäftigen zu müssen.

Die Anwärter auf die Klasse L17 dürfen mit 15 ½ Jahren mit der Ausbildung beginnen, wenn der Arzt die gesundheitlich Eignung bestätigt. Es sind für die zusätzliche Ausbildung zwei Begleitpersonen mit einem Naheverhältnis zum Bewerber möglich. Diese müssen 7 Jahre im Führerscheinbesitz sein und in den letzten 3 Jahren Fahrpraxis ohne schwere Verkehrsübertretungen vorweisen. Schwere Verkehrsübertretungen sind 2 Vormerkungen im Führerscheinregister und alle Delikte, die eine mangelnde Verkehrszuverlässigkeit nahelegen.

Die Theorieausbildung umfasst mindestens 26 Theorielektionen in der Fahrschule. Nach 3.000 Trainingskilometer sind zusätzlich sechs Theorie-Einheiten vorgesehen. Empfehlenswert ist, den gesamten Theoriekurs zu Beginn der Ausbildung zu konsumieren.  Die Grund-Fahrausbildung umfasst 12 Fahrlektionen, die mit einer theoretischen Unterweisung im Beisein des oder der Begleiter abgeschlossen wird. Danach geht’s zum ersten Praxistraining mit dem Begleiter, das mindestens 1.000 km beträgt und per Fahrtenprotokoll nachgewiesen werden muss. Nach den ersten 1.000 km gibt es eine begleitende Schulung im Beisein des oder der Begleiter. Dies wiederholt sich auch nach den zweiten 1.000 Trainingskilometer.  Nach 3.000 Trainingskilometer gibt’s die Abschlussausbildung und Prüfungsvorbereitung im Fahrschulauto.

Die Trainingsfahrten mit dem Begleiter sind so genannte Ausbildungsfahrten und müssen als solche behördlich bewilligt sein. Das Trainings-Fahrzeug muss keine besonderen Anforderungen hinsichtlich Handbremse, Zündschlüssel oder Schaltung erfüllen. Die Trainings-Fahrzeuge müssen während Ausbildungsfahrten vorne und hinten am Fahrzeug gekennzeichnet sein. Für Fahrschüler und Begleitpersonen gilt während der Trainingsfahrten die 0,1-Promille-Grenze. Die Trainings- oder wie sie offiziell heißen Ausbildungsfahrten dürfen nur im Inland stattfinden. Es ist zu empfehlen, die KFZ-Versicherung vor Ausbildungsbeginn zu informieren, dass Ausbildungsfahrten durchgeführt werden. Fast alle Kraftfahrzeughaftpflicht-/Kasko-Versicherungen gewähren dann auch für Schäden Deckung, die der Ausbildungswerber verursacht hat.

Die Theorieprüfung erfolgt nach dem komplett absolvierten Theoriekurs und ist unabhängig vom Alter. Die Fahrprüfung kann mit einem Fahrlehrer im Schulfahrzeug der Fahrschule oder mit der Begleitperson im privaten Übungsfahrzeug durch einen Prüfer der zuständigen Behörde abgenommen werden. Also, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Auch wenn es vom kleinen Bruder Österreich kommt.

PS: Im nächsten Teil gehe ich mehr auf das angebliche Geschäftsmodell „Zusatzverdienst mit Durchfaller“ ein. Ich freu mich auf Ihr Feedback hier unten.

– Autor: Guido Peternell

5 Gedanken zu „Machen Fahrschulen mit Durchfaller Zusatzgeschäfte? Teil 1

  1. Sigrid Ferl

    Hallo Guido,

    du sprichst mir aus der Seele. Der Beitrag über den ACE (und alle Folgebeiträge, die dieser nach sich zog…) haben mich dermaßen aufgeregt. Meine Durchfallqute betrug im letzten Jahr 4,2 %. Auf so eine Quote komme ich aber sicherlich nicht mit 25 Fahrstunden. Meine Fahrschüler müssen schon regelmäßig an die 2000 Euro hinlegen. Aber dafür höre ich so gut wie nie von verunfallten Exschülern.
    Das österreichische Führerscheinmodell ist es sich Wert, dass man sich mal genauer damit beschäftigt. Aber leider ist unsere Bundesregierung nicht sehr flexibel und ich fürchte, da läuft noch sehr viel Wasser den Bach runter, bis sich bei uns mal was tut!
    Für alle Fälle, verzeih Schreibfehler, auf dem Handy Korrektur lesen ist sehr mühsam, deshalb lass ich’s

    Schönes Wochenende aus dem Schwarzwald
    Sigi

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    1. guido.peternell Beitragsautor

      Servus Sigrid,

      ich weiß dass ich vielen Fahrlehrern aus der Seele spreche. Deshalb habe ich mich auch diesem Thema angenommen.

      Gratuliere zur tollen Durchkommquote. 95,8% ist ein sagenhafter Wert und zeigt, wie du dich bemühst und wie gut deine Ausbildung auch ist.

      Ja und mit den österreichischen Fahrschulkonzepten hat das so seine Sache. Das Ego des großen Bruders Deutschland ist so groß, dass nichts von wo anders 1:1 übernommen werden kann. Ein gutes Beispiel dazu ist die Sache mit den Wechselkennzeichen. In Österreich funktioniert das System bereits Jahre und in Deutschland haben Sie vor kurzem ein Mistsystem eingeführt. Aber ja nicht über die südliche Grenze nach Österreich schauen. Da könnte der große Bruder ja noch etwas dazu lernen 🙂

      Danke für dein Feedback und ebenfalls schönes Wochenende aus Villach
      Guido

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  2. Sigrid Ferl

    Das kannst du wohl sagen. Was die sich dabei ( Wechselkennzeichen) gedacht haben, das werdich sicher nie verstehen. Mal an alle, kennt irgendjemand jemanden, der sich die Kennzeichen geholt hat? 😉

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  3. wolfgang ilsemann,Fahrlehrerforum Deutschland

    Lieber Guido,
    wieder mal ein heißes Eisen, dass Du da schreibst..;) Dieses Verhalten, mit einer hohen Durchfallquote Geld zu verdienen, ist charakterlich so sehr abträglich im Gewerbe und es unterliegt dann immer der allgemeinen Kritik. Auch ich konnte meine Durchfaller im Jahr an einer Hand zählen.Leider ist es so, dass die Fahrsch. mit hohen Quoten, den meisten Zulauf haben, da sich sich „sehr preiswert“ anbieten und in der Geiz ist geil- Gesellschaft immer die Gewinner bleiben werden.Die Fahrschule voll, es können kaum praktische Termine vergeben werden. 7 und mehr Fahrlehrer toben sich an den Schülern frustriert aus, da sie natürlich „göttlich“ bezahlt werden…Von sogenannten „hochpreisigen Fahrschulen“, die vor Hunger auch kaum in den Schlaf kommen, hört man nicht von hohen Durchfallquoten…seltsam, nicht wahr..?!!!! Ich hoffe sehr, dass sich wenigsten diese hier mal kräftig beteiligen und habe es auf facebook in der Grp. Fahrschulunternehmer gepostet. Weiter so Guido 😉
    Herzliche Grüße von Deinem treuen Fan Wolfgang Ilsemann, Oldgermany

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    1. guido.peternell Beitragsautor

      Servus Wolfgang,

      ja ich weiß, dass dies ein heißes Eisen ist und solches Verhalten der gesamten Branche schadet. Wenn die Fahrschulen ihre Leistung preisWERT anbieten, ist es ja nichts schlechtes. Die Kunst damit im Wettbewerb bestehen zu können, setzt schon einiges Know-how voraus, das Unternehmer und Mitarbeiter dieser Fahrschulen haben müssen.

      Und die Billigfahrschulen (wobei ich nicht behaupte, das billi schlecht sein muss) müssen ihren Preis auch kalkulieren, und schrauben deshalb die Leistung dementsprechend herunter. Und dann die, die mit den Durchfallern Geschäfte machen, die – auch was solls, steht eh schon alles im Artikel, was ich über die denke.

      Also bitte preisWERT nicht mit billig verwechseln.

      Danke für den treuen Fan Wolfgang. Freut mich sehr, wo wir doch beide alte Hasen in der Branche sind.

      Liebe Grüße
      Guido 🙂

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