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Stressfreies, motiviertes Lehren und Lernen in der Fahrschule

Prof. Dr. Hans Eberspächer, Sportpsychologe, Universität Heidelberg

Stress und Motivation sind verantwortlich für Erfolg und Misserfolg bei Lernprozessen – auch in einem Fahrschulunterricht. Nicht umsonst werden Konzepte eines stressfreien Unterrichts mit motivierten Lehrern und Schülern immer wieder neu konzipiert und propagiert.

 

Stress

3.FL-Kongress_stressStress scheint in der Fahrschulpraxis (bei Schulungen und Prüfungen) ein steter Begleiter zu sein. Dieser Stress kann in der Führerscheinausbildung viele negative Auswirkungen haben. Da den Umgang mit Stress unser tägliches Leben beeinflusst, sollte man trainieren, damit umzugehen.

Wo entsteht Stress?

3.FL-Kongress_kopfStress entsteht im Kopf einer Person. Er ist die Folge eines individuellen Bewertungsprozesses, der Bedrohung durch diverse Schädigung signalisiert. Dr. Eberspächer sieht den Kopf folgendermaßen: „Zwischen den Ohren innen ist meins, außen ist die Friseur.“ Er meint, dass es Blödsinn ist, wenn Gehirnforscher sagen: „Das Gehirn sagt!“ Der einzige der etwas sagt ist die Person selbst (innere Stimme).

Beispiel mechanische Kaltverformung

3.FL-Kongress_crashIch streife mit meinem Auto beim Einparken die Säule in der Tiefgarage. Die innere Stimme sagt „Idiot“. Alles hängt vom Kopf ab | aber auch vom Körper | und auch vom Material! Sicheres Fahren und unsicheres Fahren beginnt im Kopf.

Beispiel ich stehe auf einen Stuhl

3.FL-Kongress_stuhlDas ist an und für sich kein Problem. Stehen Sie jedoch auf dem Stuhl im 12. Stock an die Hauskante, dann kann es zum Problem für viele werden. Sie werden bemerken dass, obwohl Baumwolle nicht rostet, die Hose an einer gewissen Stelle braun werden kann. Die Gedanken kreisen um die Frage: „Was passiert wenn …?“ Und genau das muss anders laufen. Profis fokussieren sich nicht auf Konsequenzen, sondern auf Kompetenzen! Was muss ich am Stuhl können? STEHEN natürlich! Wie bringe ich mein Flugzeug bei Problemen sicher runter? Mit Wasser-Landung im Hudson River. Natürlich hatte der Pilot Glück, dass ihn gerade kein Schiff in die Quere kam.

Ausbildungsziel

3.FL-Kongress_zielMein einziges Ausbildungsziel als Fahrlehrer muss sein, dem Fahrschüler sicheres Fahren beizubringen. Dazu ist meinerseits dementsprechende Kompetenz nötig. Ich bin nur die Security oder nur der B-Fahrlehrer spiegeln nicht gerade Kompetenz wider. Kompetenz vermitteln Sie ausnahmslos „ohne NUR“!

Wichtig und unwichtig

3.FL-Kongress_adressadaequatNehmen wir das Beispiel Navigationsgerät her. Ein Navi unterscheidet nicht zwischen wichtige und unwichtige Schritte. Es sagt mir ausnahmslos den nächsten Schritt vor. Und das auch ganz ohne Emotion. So verhält sich auch ein professioneller Fahrlehrer. Er erläutert zuerst das AusbildungsZIEL und gibt dann seine Instruktionen bzw. Anweisungen - ohne Emotionen jedoch adressenadäquat. Das bedeutet, dass er unterscheidet zwischen Sonderschüler und Maturant. Er seine Instruktionen bzw. Anweisungen so formuliert, dass der Empfänger sie auch versteht!

 

Frauen und Technik

3.FL-Kongress_frautechnikMan hört immer wieder diverse Glaubenssätze wie beispielsweise: „Frauen verstehen nichts von Technik. So ein Blödsinn! Fast immer ist es so, dass Einführungen in die Technik einfach nicht adressenadäquat rübergebracht werden. Dabei ist es völlig egal was ich erkläre. Entscheidend ist nur, was ankommt! Verwenden Sie deshalb wo immer es möglich ist die Technik des Spiegelns. Fragen Sie den Fahrschüler, was bei ihm angekommen ist. Dabei helfen Anweisungen wie: „Sag’s mir, schreib’s mir auf, zeig’s mir oder nicke!“

Auswendig lernen

3.FL-Kongress_lernenSorgen Sie dafür, dass Ihr Fahrschüler Ihre Anweisungen und Instruktionen notfalls auswendig lernt. Testen Sie seinen Wissensstand dabei durch kommentiertes Fahren. Sorgen Sie dafür, dass diverse notwendige Abläufe in seinem Kopf wie ein Film ablaufen (Kino für arme) und wenn das nicht funktioniert, dann probieren Sie etwas anderes!

Knotenpunkte

3.FL-Kongress_checklisteVerwenden Sie als Fahrlehrer diverse Knotenpunkte, die für Ihre Fahrschüler wie ein Plan (eine Checkliste) sind. Nehmen Sie das Beispiel Einparken her. Dabei ist es wichtig, richtig stehen zu bleiben (Abstand zum Auto, weit genug vorne, wann einlenken, wohin schauen, wann zurück lenken und dgl.! Profis haben als Hilfe ein Navigationssystem, einen Plan, nach dem der Fahrschüler sich richten kann! Und machen Sie Ihr Navigationssystem stressfrei. Dieser entsteht, wenn diverse Situation bedrohlich gesehen wird (kostet Geld, Versagen, was werden anderen sagen …)! Es geht nicht um die Prüfung, sondern um sicheres Fahren und bedenken Sie: „Bewertungen managen Gefühle!“

Motivation und Rahmenbedingungen

Heute muss schon jeder andere motivieren. Eltern ihre Kinder, Fahrschulbetreiber seine Mitarbeiter, Fahrlehrer ihre Fahrschüler. So ein Blödsinn! Motivation ist Eigenleistung! Jeder muss sich selbst motivieren. Auch Ihre Fahrschüler! Sie müssen jedoch für die Rahmenbedingungen sorgen. Nicht einmal nach Knoblauch riechen, ein andermal wegen der Prüfung stressen. Verwechseln Sie motivieren nicht mit zureden!

Schlechte Verkäufer praktizieren auch das Zureden: „Der Pullover ist klasse, den hat mein Schwager auch!“ Bedenken Sie, dass der Fahrschüler vor Ihrer Fahrschule steht und denkt: „soll ich / soll ich nicht?“ Er ist immer im Zwiegespräch (ja/nein). Sie haben die Macht während der Ausbildung das Denken des Fahrschülers zu beeinflussen. Ihn dabei zu helfen, seine Zwiegespräche in positive Formulierungen zu verpacken wie beispielsweise:

1. Ziel ist der Führerschein! 2. Der Sinn ist die Mobilität! 3. Geht das überhaupt? Und nicht: „Ich kann das nicht!“ 4. Kann ich das? 5. Was hab ich davon? 6. Was sind die Folgen?

3.FL-Kongress_zuhoerenDie Kunst der Motivation ist ZU-hören. Nur damit erfahren Sie etwas über Ihre Fahrschüler. Sie müssen zuhören um zu erfassen, welche Fragen sich in den Köpfen der Fahrschüler tummeln. Das macht auch jeder gute Verkäufer, wenn er erfolgreich sein will. Bedenken Sie dass unser Gehirn zwei Hälften, einen Vorderlappen, einen Hinterlappen, einen Jammerlappen und bei Männer noch eine „Nix-Box“ hat. Wenn die Frau fragt: „was machst du?“, dann sagt der Mann: „nix“! Zuhören müssen Sie aber auch mit den Augen. Nur so können Sie die Körpersprache Ihres Fahrschülers deuten. Aus einem verzagten Hintern kommt nie ein entspannter Furz!

Drei Trainingsmethoden:


1. Prognose (zB: Einparken)

  • Du hast fünf Versuche. Bin neugierig wie oft du es schaffst! Hierbei übergeben Sie die Verantwortung Ihrem Fahrschüler.


2. Hopp oder Tropp

  • Du hast einen Versuch. Egal ob du es schaffst oder nicht, du hast nur einen Versuch ohne Wiederholungsmöglichkeit.


3. Zeitverzögerung

  • Warten zerrt an den Nerven. Jetzt ist es 11:18 Uhr. Du hast ab jetzt 4 Minuten Zeit dich damit zu befassen. In der 4. Minute parkst du ein!


Aufgabe für Fahrlehrer

Gute Fahrlehrer lernen ihren Fahrschülern sicher fahren und geben ihnen ein Navi zur Hand, mit dem sie es schaffen. Und niemand lernt etwas, ohne zu trainieren! Und wenn Sie bemerken, dass Ihr Fahrschüler ein falsches Verhaltensmuster hat dann sagen Sie zu ihm: „Lass uns ein neues Muster aufbauen!“

Literatur

  • Eberspächer, H. (2008) „Ressource Ich - Stressmanagement in Beruf und Alltag“
  • Eberspächer, H. (2009) „Gut sein, wenn’s drauf ankommt - Erfolg durch mentales Training“, beide Carl Hanser Verlag München
  • Eberspächer, H. (2020) „Motorradfahren mental trainiert“, Motorbuchverlag Stuttgart

Ihr

Guido Peternell

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(Villach/Berlin, 17.1.2011, GP)

 
 
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